Schulleiters Tagebuch

Tag 558 der Baustelle

Die Woche startete mit dem schriftlichen Abitur in Geschichte und Physik. In der Vorbereitung für mich unspektakulär, denn es gibt in diesen Fächern keine zentral gestellten Aufgaben, die ich hätte runterladen müssen. Und wieder ist das Abitur fast schon etwas Alltag in diesen Tagen, Aufregung, Anspannung und Nervosität werden mit jeder stattgefundenen Prüfung kleiner. Dennoch auch euch: Viel Erfolg!

Tag 555 der Baustelle

Drei gleiche Zahlen gelten seit meiner Kindheit als so genannte Schnapszahl. Nun wird also seit 555 Tagen gebaut – und niemand hat den Sekt oder gar den Schnaps parat. Vermutlich hat außer mir auch niemand mitgezählt und nur Schulleiters Tagebuch und seine Leserinnen und Leser sind da auf dem Laufenden. Die Baustelle wird derzeit auch abgeräumt, der Rohbau steht und neue Firmen werden Einzug halten. Alle Metallstützen aus dem Rohgebäude sind inzwischen entfernt worden. Nun müssen die Betondecken alleine halten. Alle Hölzer und Balken sind zusammengebunden auf einem der Transportcontainer geladen, fertig zum Abholen. Dazu werden sie an einem stabilen Eisengriff eingehakt und auf einen speziellen LKW gezogen. Die Metallrollen an einer der schmalen Seiten verursachen dabei lautes Quietschen und Knirschen, sehr zum Leidwesen des alten, gepflasterten Schulhofes. Aber von dem ist eh nicht viel übriggeblieben. Dort, wo die so genannten Knochensteine noch liegen, sind sie von einer dicken Schicht Baudrecks bedeckt oder unter der Last der Maschinen und Fahrzeuge geborsten. Nun, da die Baustelle geräumt wird, kommen sie hie und da wieder zum Vorschein. Vor dem Einzug ins neue Gebäude soll ja auch der Hof neu erstrahlen mit Sitzgelegenheiten, schattenspendenden Pflanzen und verschieden gestalteten Bodenbelägen. Wird noch ganz schön was passieren müssen.

Tag 553 der Baustelle

Es ist schon eine Atmosphäre vor dem schriftlichen Abitur, die mit nichts anderem im Schulalltag zu vergleichen ist – auch in der etwas karg wirkenden Turnhalle. Ich spürte sie direkt beim Betreten der Halle. Die beaufsichtigenden Lehrkräfte verteilten die Unterlagen auf die bereits ausgelosten Sitzplätze, weiteres Arbeitsmaterial, Anwesenheitslisten, Hinweisen für den Toilettengang usw. lagen vorne auf dem Tisch, die große Audiobox, die wir wegen des besseren Klangs eigens angeschafft haben, stand bereit, draußen vor der Halle die ersten Abiturienten, ach einfach eine Hochstimmung zwischen angespanntem „Jetzt-geht’s-los“ und „Wie-lange-dauert-es-noch“.

Tag 552 der Baustelle

Eine gute Nachricht lautet derzeit: Ab 1. Februar erhalten wir zehn zusätzliche Stunden für das Sekretariat der IGS. Nach der Prüfung der Kreisverwaltung durch den Rechnungshof wurde die nach dem WIBERA-Gutachten Arbeitszeit der Schulsekretariate neu berechnet. So kommen die Stunden zu uns, die wir schon einmal zur Verfügung hatten, die beiden letzten Jahre aber nicht vergeben waren. Sprich: Ab ersten Februar arbeiten vier Sekretärinnen bei uns. Welch ein Gewinn, denn die Arbeit ist während der letzten Jahren stets angewachsen. Allerdings verfügen wir an beiden Standorten lediglich über drei Arbeitsplätze, so dass wir einen genauen Plan besprechen mussten. Dazu trafen wir uns heute in meinem Büro. Dass die neue Kraft zusätzlich noch mit einer halben Stelle an einer anderen Schule arbeitet, machte aus dem Gespräch eine wahre Tüftelei. Eine Lösung zeichnet sich aber ab, muss nur noch mit der anderen Schule abgeglichen werden.

Tag 548 der Baustelle

Gefühlt begann das Abitur 2021 bereits gestern mit dem Herunterladen der zentralen Aufgaben für die Deutschprüfung. Ein ziemlich sperriger (und unnötig langer) Text zur Frage Genderisierung von Sprache. Solange ich des Schreibens mächtig bin, werde ich die Sternchenlösung nicht verwenden: Schüler*innen will mir einfach nicht in die Finger. Der Text erstreckte sich aber auch noch über weitere Vorschläge eines Sprachwissenschaftlers bis in kuriose Lösungen hinein. Ich weiß allen Ernstes nicht, ob all die diversen Geschlechter sprachlich abgedeckt sein müssen zu einem Preis, der in meinen Augen die Sprache sperrig, fremdartig und kompliziert werden lässt. Ich vermute daher, dass diesen Text keine der Abiturientinnen und Abiturienten (hier kann ich ja auch ohne Sternchen das Wort Prüflinge einsetzen) ausgewählt hat. Bei der Auswahl der anderen Aufgabenpakete war wieder ein Gedichtvergleich dabei und ein Text von Ferdinand Schirach. Dafür fiel Goethes Faust erneut hinten runter. Viele Prüflinge haben heute den Gedichtvergleich bearbeitet. Vermutlich kann man sich bei diesem Thema gut an Fakten und Tatsachen halten. Die formale Analyse nach Reimschema, Metrum, Stilfiguren lässt sich halt einprägen. Ob dabei darüber hinaus die eigentliche Kunst der ver-dichteten Sprache noch zu Wort kommt, bleibt zu hoffen.

Tag 545 der Baustelle

Das neue Jahr startet schulisch mit Fernunterricht. Ich denke, wir sind darauf gut vorbereitet. Neu wird daran sein, dass wir die Plattform IServ jetzt nutzen können. Sie scheint stabil zu sein, bietet zusätzliche Möglichkeiten und es zahlt sich jetzt aus, dass wir alles bereits im Präsenzunterricht probehalber getestet haben. Jetzt gehen wir also in den Praxistest, in welchem sich auch die zusätzlich ausgeliehenen Endgeräte an Schülerinnen und Schüler bewähren können. Zweiunddreißig an der Zahl haben wir erhalten und mit einem Leihvertrag ausgegeben. Neu sind auch zwei feste Rückmeldezeiten, in welchen die Lehrkräfte am Computer oder Telefon bereit sind für Rückfragen. Dazu hatten wir noch in den Ferien komplette Listen an die Kolleginnen und Kollegen geschickt, ob die Termine, die wir schon vor den Herbstferien ermittelt hatten, so noch stimmen. Es gab doch einige Veränderungen, so dass es gut war, die Listen nicht ohne Kontrolle herauszugeben. Alles in allem ganz schön spannend!

Tag 531 der Baustelle

Bei aller Hektik, bei allem Zusätzlichen, trotz der Zeiten, wie sie sind, darf eine liebgewonnene Gewohnheit nicht ausbleiben: mein jährlicher Weihnachtsbrief ans Kollegium, ganz in der Form: „old-school“, wie eine Kollegin anmerkte, also per guter alter Briefpost nach Hause.

Tag 528 der Baustelle

So, auch diese „neue Zeit“, dieser bisher unbekannte Zustand ist geschafft. Heute beginnen offiziell die Weihnachtsferien, Schulen wurden nicht früher geschlossen, wem immer das auch genutzt hat. Jetzt ist erstmal Zeit zum Durchschnaufen in der Hoffnung, dass ein neues Jahr 2021 für die Schule mehr Ruhe bringt als das zu Ende gehende, in welchem wir quasi die Schule gleich zweimal „neu erfinden“ mussten.

Draußen auf der Baustelle ist offensichtlich auch das Ziel erreicht, den Rohbau bis Weihnachten fertigzustellen. Jedenfalls wird das Gerüst abgebaut. Wie ich hörte, nur für das Wochenende, denn am Montag soll der Bau erneut eingerüstet werden. Offensichtlich fand sich eine Firma, die das etwas breitere Gerüst für den weiteren Bauablauf preisgünstiger stellt als die Rohbaufirma.

Tag 526 der Baustelle

So, die Zeit einer neuen Erfahrung ist angebrochen: Es besteht für drei Tage keine Präsenzpflicht für Schülerinnen und Schüler, um die steigenden Infektionszahlen möglichst einzudämmen, ohne die Schulen zu schließen. Ich benötigte einige Zeit, um diese Regelung zu verstehen, denn worin besteht der Unterschied zwischen einer Schulschließung mit der Möglichkeit der Notbetreuung für Kinder, die zu Hause nicht betreut werden können und der Aufhebung der Präsenzpflicht? In beiden Fällen sind die Schulen nahezu leer. Der juristische Feinsinn feiert hier fröhlichen Urstand: zwei anscheinend bedeutende Fakten markieren den Unterschied. Im Falle der Schulschließung zeichnet das Land dafür verantwortlich, wenn das Grundrecht auf Bildung außer Kraft gesetzt wird und die Bildungsziele der jungen Generation an drei Tagen nicht erreicht werden. Wenn Eltern ihre Kinder bei fehlender Präsenzpflicht zu Hause lassen, tragen sie die Verantwortung. Im Falle der Schulschließung muss zweitens so etwas wie Fernunterricht oder andere pädagogische Angebote gemacht werden, im Falle der aufgehobenen Präsenzpflicht findet Unterricht ja statt, an dem man teilnehmen könnte. Von unseren 850 Schülerinnen und Schülern nahmen 848 die Aufhebung der Präsenzpflicht wahr. Für zwei Kinder den Stundenplan aufrecht erhalten? Das will natürlich in keiner Richtung einen Sinn ergeben. Was ist dann aber mit der Dienstpflicht der Lehrkräfte? Verordnete Anwesenheit in einer leeren Schule nach Stundenplan? Die Nachrichten und Regelungen überschnitten sich per Mail. Das Ministerium schrieb, die Schulaufsicht präzisierte, der Hauptpersonalrat antwortete auf eine Nachfrage und die Direktorenvereinigung fragte nach. Letztendlich mussten Schulleiter und ihre weiblichen Kolleginnen eine Entscheidung vor Ort treffen. Sie nehmen den Raum dazwischen ein, auf der einen Seite der Schulaufsicht verpflichtet, auf der anderen Seite gilt es eine nachvollziehbare Entscheidung zu treffen, die auch in ein motiviertes Kollegium hineinstrahlt. Ich versuchte mich nahe an einer salomonischen Formulierung, hob die Präsenzpflicht an der Schule auf, setzte aber Dienst im Rahmen des Stundendeputats an, was durchaus dem Rahmen der ministeriellen Anordnungen nahekommt. Letztendlich stellte sich diese Regelung auch als eigentlich gewollt heraus, sie ging nur in einer etwas verzwickten Kommunikation unter. Lehrkräfte haben also nicht drei Tage länger Ferien, diesen einen Eindruck wollte man partout vermeiden.

Tag 524 der Baustelle

Ja, wie ist das denn möglich: Da gewinnt eine Schülerin unserer Schule einen Bundespreis im Europawettbewerb und ich erfahre erst im Nachhinein, dass sie sogar nach Berlin fuhr und dort im Paul-Löbe-Haus bei der Ausstellungseröffnung mit der Vizepräsidentin des Bundestages, Claudia Roth, eine Rede hielt. Das ist doch ein Ereignis erster Güte. Das muss doch bekannt werden. Also informierte ich die Tageszeitung, die bisher auch nicht darüber berichtete. Heute nun fand das Pressegespräch in meinem Büro statt. Lebendig erzählte die Schülerin von den Eindrücken in Berlin, fügte hier noch ein Detail ein und dort ein Erlebnis, das Siegerbild lag ausgedruckt vor uns auf dem Tisch…da bin ich mal auf den Artikel gespannt.

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Die bisher erschienen Bücher sind erhältlich im: www.littera-verlag.de/Bücher
(Das Autorenhonorar kommt dem Förderverein der IGS zu Gute.)

Letztens 2 Soeben erschienen:
„Letztens 2 - ,
Erlebtes rund um die Schule“
2020

Tagebuch 5
„Schulleiters Tagebuch 5,
Warten auf den Bau“
2017 – 2019

Letztens 1 „Letztens –
Schulleiters Tagebuch ergänzende Kolumnen“

tagebuch_4_ "Schulleiters Tagebuch 4,
Der Weg zum Abitur
2014 - 2017"

Tagebuch 1-3"Deshalb IGS -
Positionen und Hintergründe zur Integrierten Gesamtschule mit Beiträgen aus Schulleiters Tagebuch 1 bis 3"

Tagebuch 3 "Schulleiters Tagebuch 3,
Die ersten Abschlüsse,
2012 - 2014"

Tagebuch 2 "Schulleiters Tagebuch 2,
Der Start in Deidesheim,
2010 - 2012"

Tagebuch 1 "Schulleiters Tagebuch,
Der Start in Wachenheim,
2010 - 2012"