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Juni 2017

      

Freitag. 30. Juni 2017:

Den Verlauf der interreligiösen Schulfeier bei den „Großen“ hatte ich ja bereits gestern kopiert. Der Weg in die Schule lohnte sich vorher nicht und birgt immer die Gefahr, nicht wieder rechtzeitig wegzukommen. So fuhr ich, eigentlich zu früh, direkt die Kirche St. Ulrich an und genoss in Ruhe die gewonnene Extrazeit. In der Kirche war bereits der Schülerchor mit diesen etwas seltsam klingenden Intervallen zu hören, welche die Stimme oder deren Bänder lockern soll. Ich setzte mich still in eine Bank und wollte Atmosphäre und Raum in mich aufnehmen. Ich betrachtete die Marienfigur, welche die jüdische Familie Feis der Kirchengemeinde 1940 (!) gestiftet hat (siehe Eintrag „Sommerferien 2011“), schaute auf das über drei Meter hohe „Deidesheimer Kreuz“ im Chorraum, das im 15. Jahrhundert ein Künstler aus der Schule des bekannten Bildhauers und Holzschnitzers Veit Stoß geschaffen hat. Dadurch angeregt, holte ich im Foyer den Flyer „Herzlich willkommen in St. Ulrich Deidesheim“. Darin las ich einiges, was mir nicht bekannt war: Die Fenster über den beiden Seitenportalen stammen bereits aus dem Ursprungsbau von 1480 und gelten als die ältesten erhaltenen Glasfenster in der Pfalz! Was haben diese bunten Gläser nicht alles erlebt und was haben sie nicht alles überdauert an Bauernkriegen, Revolutionen, Verfolgungen und Zerstörungen! Ehrfürchtig betrat ich auch erstmals das Beinhaus aus dem zu Ende gehenden 15. Jahrhundert („das einzige erhaltene seiner Art in der Pfalz“), in welchem Teile der abgebrochenen gotischen Lettnerbrüstung ebenso an den Wänden eingefügt sind wie alte Epitaphien, in große Steinplatten gehauene Grabinschriften. Über das große Kreuz zwischen Kirche und Beinhaus, an dem ich schon des Öfteren (achtlos) vorbeiging, las ich, dass es aus dem Jahr 1554 stammt und dass es aus einem einzigen Steinblock gehauen wurde. Bis ins 18. Jahrhundert hinein diente das Gelände um die Kirche („Kirchhof“) als Friedhof der Stadt – in solcher Umgebung und im Angesicht dieser alten und doch von Menschenhand gefügten Steine empfand ich meine Zeit und meine Aufgabe als relativ und gering, spürte die eigene Kleinheit und Endlichkeit, die hier sinnlich erfahrbar sind. Mit Wucht drängten sich früh morgens Gedanken und Gefühle über die Vergänglichkeit menschlicher Existenz in mich hinein. Lange konnte ich ihnen aber nicht nachhängen, denn die ersten Klassen waren, aus Richtung Schule kommend, im Anmarsch. Ich ging zurück in die Kirche und suchte meinen Platz auf, der wegen meiner erneuten Aufgabe als quasi liturgischer Moderator ganz vorne sein sollte. Waren es nun meine ernsthaften Gedanken und Eindrücke eben im Beinhaus oder ist es die über Jahre währende Erfahrung in und mit „heiligen Räumen“  – jedenfalls hadere ich immer mit dem großen Geräuschpegel, den kirchenraum-unerfahrene Klassen beim rumpelnden Betreten der Holzbänke und mit ihren nun gar nicht flüsternden Gesprächen hervorrufen. Wie gestern in Wachenheim verband ich die einzelnen Elemente, die in Religions- und Ethikstunden entstanden sind, mit dem tags zuvor schon gefundenen roten Faden, bei den hier älteren Schüler/-innen durchaus etwas ausgreifender. Hinterher hörte ich über diese Rolle den erstaunlichen Satz einer jungen Kollegin, die mich noch nicht lange kennt: „Du hättest sicher auch einen guten Pfarrer abgegeben“. Was sie nicht wissen konnte: Biografisch führte mich mein Weg tatsächlich an diese Weggabelung, ich wählte aber schließlich den „weltlichen“. 

Ich hatte das Kollegium zu einer abschließenden Dienstbesprechung eingeladen. Der Versetzungsantrag des Datenschutzbeauftragten war erfolgreich. Er sollte zumindest noch die Gelegenheit erhalten, seine jüngsten Erkenntnisse ans Kollegium weiterzugeben. Vor dem gemeinsamen Glas Sekt und den Brezeln galt es darüber hinaus, sieben Kolleg/-innen zu verabschieden. Zum Teil haben sie lange Jahre bei uns gearbeitet und wollen sich nun aus unterschiedlichsten Gründen verändern, zum Teil wurden Vertretungsverträge nicht verlängert. Zum fast obligatorischen „R-IGS-ling“ besorgte ich sieben Exemplare des Turmschreiberbuches von Fanny Morweiser – zwei Geschenke, die, wie keine anderen, die Erinnerung an die Schule in Deidesheim wachhalten können. Dieses Ereignis schreibt sich sachlich leicht nieder, in Realität war die Verabschiedung hochemotional, war reichlich mit Tränen angereichert und fiel zum Teil den uns Verlassenden sicher noch schwerer als den nun Zurückbleibenden – mit einem Kollegen verlässt uns auch mein „Literaturberater“. Immer wieder ließ er mich teilhaben an seiner aktuelle Lektüre, hielt mich über lohnende Neuerscheinungen auf dem Laufenden, berichtete mir von der Vorschlagsliste für den Deutschen Buchpreis und hin und wieder tauschten wir uns dann über eine gemeinsame Lektüre aus. Diese Lücke wird nur schwer zu schließen sein, auch andere, nun offene „Stellen“ waren mit jeweils persönlichen Stärken und Interessen gefüllt. Sicherlich werden sie sich mit neuen oder anderen Lehrkräften schließen. Innerhalb eines großen Kollegiums müssen sich die persönlichen Stärken zunächst aber entwickeln dürfen und es können und werden gewiss andere sein. Macht es auf alle Fälle alle an eurer neuen Wirkungsstätte gut, habt gleichermaßen Erfolg und Freude, setzt immer die Schüler/-innen an die erste Stelle und behaltet die IGS Deidesheim/Wachenheim wohlwollend in eurem Herz.

Und dann war das Schuljahr 2016/2017, das inzwischen neunte, gemeistert. Was müsste ein Rückblick enthalten? Ganz oben steht natürlich das erfolgreich durchgeführte erste Abitur. Keiner der reichhaltigen Fallstricke brachte uns ins Stolpern – eine Leistung der ganz besonderen Art. Danke! Zur Verbesserung des pädagogischen Konzeptes sind bereits einige Schwerpunkte in Arbeit (Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche, Differenzierungsmodell, Angebot und Regelung der Wahlpflichtfächer, Arbeitspläne, differenzierte Leistungsmessung). Die Schule bleibt also pädagogisch lebendig. Danke! Sie erfreut sich durch die tägliche Arbeit der Lehrkräfte eines positiven Ansehens im ganzen Landkreis und wird reichhaltig nachgefragt. Danke! So sehr das Kollegium manche Belastungen wahrnimmt, das Engagement ist weiterhin in besonderem Maß vorhanden. Danke! Was an Rückmeldungen bei mir ankommt, steht auch die Schülerschaft insgesamt hinter der Schule, eine Aussage, die durch einzelne Verstimmungen oder Konflikte nicht geschmälert wird, denn immerhin arbeiten hier über 900 Menschen zusammen. Danke auch hierfür! All das kann selbstredend kein Resümee sein, das zu einem Zurücklehnen führen darf. Eine Schule ist immer wieder auf dem Weg, muss Erarbeitetes beständig erhalten, Neues anbieten und darf sich auf keinem der Lorbeeren ausruhen. Bei dem Gedanken an das kommende Schuljahr ist mir daher wohl zumute. Es wird neue Herausforderungen bringen, die es zu bewältigen gilt, geebnete Bahnen und Wege werden wir weiter beschreiten und – auch wenn derzeit niemand eine Aussage über den Baubeginn treffen will – vielleicht wird es im kommenden Schuljahr endlich soweit sein. Dann werden die Herausforderungen eine ganz neue Dimension erreichen und bis dato Ungeahntes wird auf uns zukommen

 

Donnerstag, 29. Juni 2017:

Früh morgens fuhr ich nach Wachenheim ins dortige Büro. Ich hatte den Verlauf der interreligiösen Schulfeier zusammengestellt, jetzt musste er schnell ausgedruckt und kopiert werden. An der Kirche der Eindruck seit Jahren: wuselnde Kinder, das Equipment aufbauende Bandklasse, Soundcheck und langsames Eintrudeln der Klassen. Ich besprach den Ablauf mit den Verantwortlichen und stellte fest: Der Verlauf, der mir zugemailt wurde, bezog sich auf die morgige Feier in Deidesheim. Handschriftlich geändert, hatte wenig auf meinen Kopien Bestand. Seltsame Vorbereitung. Bisher war der Verlauf der Feier an beiden Standorten gleich. Zudem wurden zwei Punkte abgesagt, das wird also eine kurze Feier werden.

Die Fachkonferenz hatte sich auf das Thema „Bewegung“ geeignet. Klar, dass das Reformationsjubiläum die Menschen bewegt, so dass Martin Luther eine Rolle spielte: In einem kurzen Anspiel wurden Stationen aus seinem Leben dargestellt, gekonnt und mit wenigen Utensilien. Auch die Thesen, bereits auf den Deidesheimer Schulhof geschrieben, wurden für heutige Jugendliche umformuliert. Ein Ethikkurs stellte sich die Frage: „Was bewegt mich?“ Enorm, was die Kids da zusammengestellt haben an Leiderfahrungen und Themen das Unfriedens. Dazwischen intonierte die Bandklasse der Fünfer die drei vorgesehenen Lieder. Mir fiel die Rolle der Moderation zu, welche die einzelnen (mir bis dato unbekannten) Elemente inhaltlich verbinden sollte. Dieses Anliegen liegt mir schon immer am Herzen, denn gerade bei verschiedenen vorbereitenden Religions- und Ethikgruppen besteht immer die Gefahr von unverbundenen Einzelheiten, bei denen der Bezug zum Thema nicht klar herauskommt. Ein roter Faden fiel mir nach kurzem Blick auf die heutigen Inahlte auf, an welchem ich mich, alle Punkten wie auf einer Schnur auffädelnd, entlanghangeln konnte.

 

Mittwoch, 28. Juni 2017:

Eine Aufnahme in die zehnte Klasse zwang mich, morgens in Deidesheim zu starten, obwohl um 8.30 Uhr der Team-Tag für die neuen Fünfer begann – das musste ich schaffen! Kein Wunder, dass ich schon morgens unter Druck kam, aber immerhin erfolgreich: noch vor Beginn der Fortbildung erreichte ich den Standort Wachenheim.

Das neue Team „Ludwig Leberknödel“, so überlegten wir, musste ganz anders als die bisherigen Teams in die Arbeit eingeführt werden, denn zur Hälfte besteht es aus Tutor/-innen, die bereits einen Jahrgang bis zur zehnten Klasse geführt haben, also quasi „alte Hasen“ sind, zur Hälfte wiederum auch nicht aus Neuzugängen, sondern aus Kolleg/-innen, die als Quereinsteiger oder in der Oberstufe eingesetzt, ihre Arbeit bei uns begannen, nun aber die Chance haben, ab Klasse fünf ganz neue Erfahrungen zu machen. Ich behaupte immer wieder: „Wer noch keine Klasse von fünf bis zehn geführt hat, kennt unsere Schule nicht!“ Wir starteten mit „lockeren“ Aufstellübungen. Wer hatte bisher die meisten Jobs erledigt? Wer wohnt am weitesten von der Schule weg, wer ihr am nächsten? Über wie viele Dienstjahre verfügen die einzelnen Teammitglieder? Wenn ich es richtig gespeichert habe, verfügt eine Lehrkraft über die Erfahrungen von über 14 Jobs, bis die Einstellung in den Schuldienst erfolgte. Mit den beiden Schüleraustauschen mit Australien verfügte ich über die weitest entfernte Reise. Das sind schöne Minuten, die gleich zu Beginn eine schöne Lockerheit bewirken. Mit exemplarischen Bildern, bunt gemischte Fotos mit allen möglichen Motiven, sollten Freude und Bedenken hinsichtlich einer Arbeit im Team gefunden werden, bis es zu einer ersten Teamaufgabe kam. Quasi als Ersatz für den Zeltaufbau mit verbundenen Augen, den wir als Teamaufgabe bisher im Programm hatten. Stattdessen sollte heute ein Ball mittels einer Holzplatte mit einer Aussparung, die nur mit langen Schnüren bewegt werden darf, von Punkt a zu Punkt b transportiert und abgelegt werden – natürlich mit verbundenen Augen. Nur ein Mitglied durfte abwechselnd mit offenen Augen „führen“. Mir kam diese Aufgabe ein gutes Stück anspruchsvoller vor als der Zeltaufbau. Junge, Junge, das erfordert viel Kommunikation, Geschick, Abstimmung und Teamarbeit. Eben deshalb sollten die Kolleg/-innen diese, dem „Tower-of-power“ (siehe Eintrag vom 25. Oktober 2011) ähnelnde Aufgabe ja auch meistern – und das haben sie. Über die Tandembildung und Klassenzuweisung ging es dann weiter. Ich verabschiedete mich nach diesem Punkt zu einem besonderen Termin an meine ehemalige Schule. Der dortige Schulleiter und langer Weggefährte wechselt überraschend als Referent zur Schulaufsicht und wurde heute verabschiedet. Zu solchen Anlässen geben sich viele „Ehemalige“ ein Stelldichein und tatsächlich traf ich drei meiner ehemaligen Schulleiter/-innen, die ich ohne Scheu auch als meine „Zieheltern“ erlebt habe. Auch das „Bad im ehemaligen“ Kollegium, wenngleich an Bekannten nach neun Jahren natürlich dezimiert, genoss ich freudig. Nun kehrte ich ja nicht zum ersten Mal an meine elfjährige Wirkungsstätte zurück, kannte auch bereits die herrliche Hofgestaltung und die farbige Fassadendämmung – und doch berührte mich der heutige Besuch noch tiefer. Ich fand aber keinen rechten Grund dafür, vielleicht wird der Mensch mit zunehmendem Alter empfänglicher oder sentimentaler, vielleicht war es auch der Gedanke, dass, so sehr ich an meiner jetzigen Wirkungsstätte „angekommen“ bin – an die Zahl der Jahre an der ehemaligen kommt dieser Abschnitt noch immer nicht heran. Eine schöne Rückmeldung erreichte mich von einem Vater, der mit seiner Familie in Forst lebt und dessen Kind im kommenden Jahrgang der „Ludwig Leberknödel“ aufgenommen ist und der den Elternabend mitgemacht hat: „Das Singen der ‚Drei Chinesen mit dem Kontrabass‘ hat die sich fremden Eltern irgendwie zur Gemeinschaft gemacht, die dann den Kanon schon mit diesem Gefühl der Zusammengehörigkeit singen konnte. Eine herrliche Idee!“  

Es ist die Zeit der Jahresschlussanlässe – so traf sich am Abend der Vorstand des Fördervereins, um das Schuljahr fast schon traditionell mit einem Treffen beim Italiener ausklingen zu lassen. Wer das Jahr über so viel arbeitet, soll es durchaus auch einmal gemütlich ausklingen lassen (Selbstredend nicht auf Kosten der Vereinskasse!). Über den Tisch wanderte im Verlauf des Abends ein kleiner Zettel zu mir mit sieben oder acht Namen ehemaliger „Trixi Trauben“. Sie haben das Abitur oder die Fachhochschulreife am Technischen Gymnasium bestanden – so klein der Zettel auch war, so groß war die Freude darüber.

 

Dienstag, 27. Juni 2017:

Die gestrige Termindichte setzte sich fort, daher legte ich einen ersten Gesprächswunsch kurzerhand auf 7.30 Uhr vor, wodurch ich Zeit für ein zweites um acht Uhr freischaufeln konnte. Ich war auf ein Konfliktgespräch wegen angeblich mangelnder Notentransparenz eingestellt. Wir blieben aber unter uns, die sich beklagende Familie blieb aus. Dazwischen rutschten immer wieder Neuigkeiten oder Variationen zur Unterrichtsverteilung: hier könnten wir den einsetzen, er hätte dann Stunden frei um dort dies abzudecken usw. – wie immer ein Riesenpuzzle, dessen Bewältigung in diesem Jahr in großen Zügen ohne mich stattfand, ich hatte einfach zu viele Termine. So stellten sich erstmals zwei Förderlehrer vor, die ab dem neuen Schuljahr zu uns abgeordnet sind. Da will ich mir natürlich Zeit nehmen, um einen gelungenen Erstkontakt herzustellen. Hier meine Anspannung zu zeigen, käme ja nicht gut an. Also volle Konzentration und „Zuwendung“, um uns und die Schule mit ihren Besonderheiten im Förderbereich vorzustellen. Der Nachmittag sollte der Grundschule Wachenheim gehören, auch hier soll die gute Kooperation und der gelungene menschliche Kontakt nicht im Schuljahresendstress untergehen.

 

Montag, 26. Juni 2017:

Ich hatte es ja bereits notiert: Ich wollte auf jeden Fall den „Tschick“-Film noch auswerten und auch mein wenig motivierendes Erstaunen über die Art des Schauens in dieser Klasse loswerden. Beim zweiten kamen keine Rückmeldungen, ich ahnte schon Schlimmes oder gar Boykott? Im Gegenteil: In dem Moment, als wir über die inhaltlichen Unterschiede zwischen Buch und Film zu reden begannen, war die (Rest-)Klasse da und wir haben munter darüber diskutiert, weshalb der Lada im Film so lange durch das Maisfeld fährt, aber die Szene im Swimmingpool gegen Ende des Buches kaum das Auslösen konnte, worüber wir im Unterricht gesprochen hatten. Mich erstaunte, wie präsent die Schüler/-innen einzelne Inhalte aus dem Buch (noch) parat hatten, diese im Film vermissten und damit zeigten, dass die Lektüre, trotz aller Unkenrufe, sie auf einer persönlichen Ebene erreicht hatte. Ein Glücksfall an Deutschstunde!

Zurück im Büro, fand ich den ovalen Tisch mit Zeugnisstapeln der acht Neuner- und Zehnerklassen bedeckt – die Erkrankung der Stufenleitung bedingte die diesjährige Unterschrift:  i.V. Georg Dumont.

Für 13 Uhr war ich von den Projektkoordinatoren in den blauen Nawi-Saal gerufen, um im Wettbewerb zum Projektunterricht die besten, fantasiereichsten oder wirkungsvollsten Projekte zur Prämierung auszuwählen. Der Förderverein wird den Preis oder die Preise stiften, so dass auch ein Vertreter desselben anwesend war, ebenfalls ein Schülervertreter. Damit soll der Projektunterricht stärker im Bewusstsein verankert und zielgerichteter angeboten werden. Insgesamt wurden 17 Projekte eingereicht, zum Teil sind dies Klassen-, zum Teil auch Einzelprojekte gewesen. Wir befassten uns zunächst einmal mit den Themen der eingereichten Arbeiten. Darunter etwa die faszinierende Idee, die 95 Thesen Luthers auf den Schulhof zu schreiben, um ein breiteres Bewusstsein herzustellen, der Bau von Seifenkisten, die fiktive Geschichte einer Flucht nach Deutschland, basierend auf eigenen Gesprächen, drei Filme zu den Themen: Spielsucht, Handygefahren, Magersucht, ein Comic zum Thema deutsch-französische Freundschaft und das Projekt Mittelalter – eine beeindruckende Vielfalt an Themen und Darstellungsformen. Daher benötigten wir auch mehr Zeit als gedacht. Wir sortierten nach Kriterien, schauten nach Wirkung und Kriterien, legten vorläufige Reihenfolgen fest, verwarfen sie wieder…da klingelte mein Handy…ich wurde in die Schulleitungssitzung gerufen: „Wir brauchen dich dringend!“ Also schnell ein Ergebnis finden und dann den Flur hindurch ins Büro eilen. Und weiter ging es bis es fast wieder 17.30 Uhr war…

 

Freitag, 23. Juni 2017:

Gestern wie heute: ab 11.15 Uhr war das Schulgebäude gespenstisch leer. In den schier unerträglich aufgeheizten Mauern (auch die Nacht brachte keine Abkühlung) machten wir uns an die Arbeit, um letzte Hand an die Entlassfeier am Abend zu legen, vor allem die Zeugnisse müssen alle da und, wenn es geht, alphabetisch sortiert sein, damit die Ausgabe reibungslos verläuft. Wenn da etwas nicht stimmt, kann man auf der Bühne in der Stadthalle so gut wie nichts handhaben – dabei rinnt der Schweiß, die Computer und Bildschirme geben zusätzlich Wärme ab, so als benötigten wir sie…Der Landrat ist verhindert, der Hausmeister soll Preis und Urkunde bei der Kreisverwaltung abholen. Da ich eh daran vorbeifahre, erledigte ich das noch selbst. Dann schnell noch unter die Dusche und ab in die Halle. Vorher einen Zwischenstopp in der Schule, ich hatte die Zeugnisse nicht mitgenommen, wer weiß, was alles passieren könnte – und dann sind die Zeugnisse im Unfallwagen oder im geklauten Auto…

Eine glückliche Fügung: Ich ergatterte einen Parkplatz ganz in der Nähe der Stadthalle und musste den Karton mit den Zeugnissen und Preisen nicht lange durch die Hitze tragen. Eine erste glückliche Erkenntnis: Die neu eingestellte Klimaanlage in der Stadthalle funktioniert bestens!

Gleich nach der Begrüßung durch die Moderatoren wurde „der langweiligste Beitrag des Abends“ aufgerufen: Die Rede des Schulleiters! Nun gut, da muss ich durch, denn ich will an solchen Abenden keinen Klamauk liefern, sondern durchaus ernsthafte Gedanken und Wünsche aussprechen – das gehört für mich, zumal in der Rolle als Schulleiter, zu einer Entlassfeier dazu. Der unterhaltende Aspekt wird erfahrungsgemäß oft genug bedient. Also berichtete ich davon, was mich die letzten Wochen bewegte und bezog es auf den konkreten Anlass der Schulentlassung. 80 Schüler/-innen wurden mit den Abschlüssen nach Klasse 9, 10 und 12 entlassen. Nimmt man die 53 Abiturienten hinzu, haben in diesem Jahr 133 Schüler/-innen einen Schulabschluss erarbeitet – ein Zahl, die Deidesheim in dieser Größe bisher nicht kennen und in dieser Höhe wohl nur von den Internen erwartet werden konnte. Mit dem Schulabschluss kommen nun weitere Herausforderungen auf die Jugendlichen zu. Damit knüpfte ich an die Geißbockwanderung der zehnten Klassen als Herausforderung an, schwenkte zu der Bewegung „cittaslow“ als „Gegenmaßnahme“ zur immer schnelleren Taktung heutigen Lebens (siehe Abiturrede vom 31. März 2017) und fügte schließlich mit der zweiten Strophe des Turmschreibers Ludwig Harig (siehe Eintrag vom 07. Mai 2017) meine Wünsche für die Absolventen an: Mögen sie „in Handlung“ für ihr ihr eigenes Leben kommen und mögen sie offen sein, für alle „Verwandlungen“, die in ihrem Leben auf sie warten.

Was die Anwesenden dann erlebten, war ein kurzweiliges Programm, eines der Art, die mich immer wieder erstaunen lässt. Wie können diese Kids tanzen! Wie mutig stehen die meisten auf der Bühne, wie selbstverständlich moderieren sie coram publico ein Programm – der HAKA wirkte, berührend, wie dabei die Abgänger „zur Stärkung“ dabei in die Mitte geführt werden und dadurch das Zentrum, wie effektvoll tragen sie blaue Achselshirts mit dem gelb-roten Logo von „Superman“ (oder: „Superwoman“?), ziehen diese nach dem ersten Teil aus, drunter kommen schwarze Unterhmden zum Vorschein, die Jungs rauschen von den Seiten ein, ebenfalls komplett in schwarz mit feinen, weißen Andeutungen von Ballettröckchen, so genannte Tutus, genäht aus mehreren Schichten Tüll, ich staune zusätzlich über die Hebefiguren (Das sind doch unsere Schüler/-innen!) – kaum zu  glauben, was ich da alles sehe! Und nach Aussagen der Tutoren wirklich selbst choreografiert! Fast jede Klasse hatte innerhalb ihres Beitrages eine Präsentation erstellt, in welcher immer auch Fotos aus der fünften Klasse gezeigt werden – ja, so kenne ich sie aus den Musikstunden damals und nun sind sie groß geworden und werden heute entlassen. Welch eine Zeitspanne! Welch eine Entwicklung! Aus technischen Gründen fiel allerdings bei einer Präsentation der Ton aus – nicht weiter erwähnenswert, wäre da nicht, zunächst mit einer einzelnen Stimme, dann immer weiter sich auf den Jahrgang ausdehnend, „Jeder kann was prima machen!“ erklungen, einfach so, als Überbrückung, aber allen bekannt, und mit dem vor Jahren eingeübten „We-will-rock-you-Klatschen“, das ganze „Unternehmen Schulkanon“ gleichzeitig nutzend und persiflierend und doch irendwie als Identifikation verwendet. Ist das nicht einmalig? 

Nicht vergessen werden soll für diesen Abend der Förderverein, der sich erneut mit viel Mühe, Einsatz und Arbeit rund um die Feier um die Verköstigung kümmerte. Schade, dass sich von Elternseite so wenig Helfer/-innen zur Unterstützung meldeten. Aber wir hatten schon eine Idee, dem gegenzusteuern.

Und noch ein mich in Staunen versetzendes Faktum ist zu notieren: Einige Schülerinnen kamen auf mich zu und wollten auf einem Erinnerungsfoto gemeinsam mit dem Schulleiter abgelichtet werden.

So erlebte ich erneut einen faszinierenden Abend. Wie immer unterstütze der Lions Club Deidesheim die Schule und spendete die Buchpreise. Der heute die Preise überreichende stellvertretende Präsident sagte mir beim Abschied: „Ich habe bereits die dritte Entlassfeier der IGS erlebt. Herr Dumont, auf diese Schüler und auf diese Schule dürfen sie stolz sein!“ – oh ja, das bin ich!

 

Mittwoch, 21. Juni 2017:

Letzte Woche wurde ich bereits um ein Telefoninterview zum Thema „Fridget Spinner“ gebeten – aha! Jene Dreh-Spielzeuge, die mit zwei Fingern gehalten und in Kugellagern ruhend, zum schnellen Drehen gebracht werden können, entwickeln sich gerade zum sommerlichen Boom. Sie sollen sich dazu eignen, den so genannten „Zappel-Philipp“ zur Ruhe zu bringen, die Konzentration zu steigern und durch Beschäftigung der Finger zu mehr Aufmerksamkeit führen. Doch noch hat sich dieser Trend bei uns nicht zum Problem gemausert. Es soll Schulen geben, in denen das Mitbringen in den Unterricht verboten ist, an manchen ist geäußert worden, sie seien unerwünscht und nun sollte ich sagen, wie die IGS damit umgeht. Natürlich kann man mich damit nicht in Verlegenheit bringen, denn ich konnte das Anliegen mit einigen Aspekten aus eigener Erfahrung etwas in die Tiefe erweitern und nicht auf Verbot oder Erlaubnis reduzieren. Leider stand davon heute nichts in der Zeitung, allerdings wieder ein falsches Zitat, bestätigt von der Sekretärin, die mein Gespräch letzte Woche mithörte: „Nein, das hast du nicht gesagt“. Nun gut, es ging vermutlich wieder einmal um die schnelle Nachricht für das Sommerloch. Wieder wurden die umliegenden Schulen angerufen und befragt, die Aussagen aber lediglich aufgelistet und (zumindest in meinem Fall) das, was ich wirklich gesagt habe, nicht mit aufgenommen. Hmmm…“ticke“ ich da allein anders, wenn ich mehr Informationen haben will (und gegeben habe)? Was ist das Anliegen der Presse hierbei, denn ist es einen Artikel wert, wenn die Umfragen einzelner Schulen (unvollständig) aufgelistet werden? Worin besteht der Mehrwert? Weshalb werden keine handfesten Hintergründe eingeholt? Oder wurden sie von meinen Schulleiter-Kolleg/-innen ebenfalls gegeben, aber (wie bei mir) nicht beschrieben? Sind wir schon im „Sommerloch“, das gefüllt werden soll? Ja, ich bin mit dem heute erschienenen Artikel unzufrieden!

Zu den sieben Dienstlichen Beurteilungen für die Verbeamtung auf Lebenszeit kamen ja noch zwei Gutachten für die Wechselprüfung hinzu, das heißt, ich hatte heute den neunten Unterrichtsbesuch im Kalender stehen. Thema: Die Population der dunklen Birkenspanner und ihre Abhängigkeit von der Umwelt. Ich erlebte ein beeindruckendes Simulationsexperiment mit kleinen, aus Papier ausgestanzten Faltern, jeweils in heller und dunkler Ausführung. Je nach Umweltbedingungen färben sich real die Birkenrinden dunkel (laminierte Fotokopien deuteten das an), so dass die hellen Birkenspanner auf der dunkler gewordenen Rinde von den Vögeln eher gesehen und gefressen (von Schüler/-innen nach engen Zeitvorgaben mit den Fingern „weckgepickt“) werden. Über Jahre hinweg wird sich dadurch die Population dahingehend verändern, dass eben verstärkt dunkle Birkenspanner überleben und sich damit auch fortpflanzen können, während die hellen, stärker Opfer der Nahrungskette, sich verringern werden. Herrlich, wie die Siebtklässler dieses Experiment in verschiedenen Gruppen durchführten, Schlüsse daraus zogen und Thesen formulierten. Noch eine wunderbare Stunde zum Abschluss meiner Besuchsreihe. Mein Resümee über diese neun Unterrichtsbesuche hinweg lautet: Ich habe keine Stunde gesehen, in welcher nicht die Sozialform wechselte oder nicht Schüler/-innen von- und miteinander, in Gruppen oder allein arbeiteten und sich unterstützen. Ich erlebte eine Vielzahl von Redeanlässen für Schüler/-innen, in allen naturwissenschaftlichen Stunden sah ich Experimente oder Versuche und insgesamt viele Möglichkeiten der Differenzierung. Über Wochen und Jahrgänge hinweg mag dies trotzdem es eine rein subjektiv erlebtes Ergebnis ist, das zwar nicht abgesichert ist, aber ich halte es durchaus für belastbar. Und diese Erfahrung spült ein Gefühl der Zufriedenheit über den Unterricht an unserer Schule in mich hinein, ein wenig auch Stolz auf die Kolleg/-innen und Freude für die Schüler/-innen, die sehr unterschiedliche Möglichkeiten des Lernens geboten bekommen. 

Der Schulbetrieb war wieder heiß heute – in jeder Beziehung. Die Schüler/-innen lechzten nach „hitzefrei“. Ich erläuterte der Schülervertretung, dass dies in einer Ganztagsschule an zwei Standorten mit unterschiedlichen Bedingungen, zwei Caterern usw. keine leicht und vor allem keine schnell zu treffende Entscheidung ermögliche. Nach vergeblichen Versuchen, im letzten Jahr eine einheitliche, an Fakten orientierte und belsatbare Regelung mit dem Schulelternbeirat zu erarbeiten, blieb es wie vorher: der Schulleiter entscheidet nach eigenem Ermessen, das trifft auch die Vorgabe des Landes. Nun mag ich ein Schulleiter sein, der eher für Durchhalten bekannt ist, der nicht vorschnell die Flinte ins Korn zu werfen bereit ist, dem auch schon mal das Aushalten nachgesagt wird und für den „andere Schulen“ zunächst einmal kein Maßstab sind, und: wir hatten uns am Montag in der Schulleitungssitzung so abgesprochen, dass wir erstmal das Wetter weiter beobachten (da waren es ja noch einzelne Spitzenwerte und keine „Hitzewelle“) – aber heute nun sprach ich den alle erlösenden, sehnlichst erwarteten und alle befreienden Satz durch die Sprechanlage: „Wegen der anhaltenden Wetterlage endet der Unterricht morgen und am Freitag um 11.15 Uhr!“ Ich meine, den das Gebäude erschütternden Jubel und die dazu gemengten Beifallsstürme vibrierend in den Mauern gespürt zu haben. Anschließende Danksagungen aus Schülermund erreichten mich danach wo ich stand und ging.

 

Dienstag, 20. Juni 2017:

Wie schön war das denn gestern: Nach einer Nacht, die kaum Abkühlung brachte, die beiden ersten Stunden im Freien verbringen zu können, weil auf der Wiese der maorische Tanz HAKA für die Entlassfeier eingeübt werden soll. Das ist ja fast wie Urlaub! Wiese, Schatten durch Bäume, mehr oder auch weniger motivierte Schüler/-innen ganz anders zu erleben und in den Zwischenpausen den einen oder anderen Smalltalk mitzuerleben und zum Jahresschluss oder kurz vor der Schulentlassung noch mal ganz dicht und persönlich mit den Kids zu agieren…einfach eine besondere Güte.

Heute nun noch ein besonderer Beginn am Morgen: Die Parkplätze abgesperrt (Wohl dem, der früh da ist!), die Eingänge der Schule mit großen Kartoffelsammelboxen verbarrikadiert, Absperrbänder, die den Hof teilen, Musik im Schulhof…Schulstreich der Zehntklässler. Sie hatten ebenfalls vor, mit den anwesenden Kollegen „Reise nach Jerusalem“ zu spielen, ein Spiel, das mich bunte Abende auf Jugendfreizeiten erinnerte. Mit gleichem Siegeswillen wie damals ging ich an die Aufgabe heran. Mist, da schlug ich mich strategisch durch alle Runden, erwischte immer noch einen Stuhl, nur in der Schlussrunde, als wir noch zu zweit waren, patzte ich und gewann doch nicht. Eine ganz eigene gute und entspannte Atmosphäre, viel Freude und viel lachende Lockerheit, nochmal eine herrliche Stunde.

Dann wurde es etwas hektisch, denn die Zeugniskonferenzen bringen Nacharbeit mit sich. Stimmen die Ausdrucke und Bescheinigungen der Zeugnisse auf festerem Papier, sind die ausgewählten Preisträger für die Abschlussfeier zusammen gestellt, zwischendrin eine Neuaufnahme für den künftigen zehnten Jahrgang durchführen, dann kam die Zuweisung der neuen Referendare mit einer Überraschung hier an, so dass sie eine Nachfrage notwendig machte, alle Abgangszeugnisse müssen vor dem Kopieren von den Tutor/-innen und vom Schulleiter unterschreiben sein, bevor sie im Archiv abgelegt werden können… dann kam doch Hektik auf mit vielen ungeplanten Unterbrechungen und zusätzlichen Punkten.

Dann Fahrt nach Wachenheim – das Thermometer im Auto zeigte 39 Grad Celsius, auf der kurzen Wegstrecke kommt selbst die Klimaanlage nicht an ihr Ziel, aber dann zwei Assemblys, die irgendwie Ruhe in mich senkten. Das hört sich seltsam an, ist aber so, obwohl jeweils ein ganzer Jahrgang im Kunstsaal versammelt war. Das läuft aber für mich irgendwie ohne Anstrengung ab, zumindest empfinde ich das nicht so stressig wie derzeit die Büroarbeit mit ihren vielseitigen und ständigen Anforderungen. Wenn ich die erstmal die Gitarre umhängen habe, das Vorspiel zum Schulkanon „aus den Fingern läuft“ und die jeweils über hundert Schüler/-innen den Einsatz richtig setzen, was soll da noch dazwischen kommen. Auf dem Programm standen noch die Preisverleihung des Känguru-Wettbewerbs in Mathematik, der Film der Skifreizeit und erste Infos zu den im September zum vierten Mal nach Wachenheim kommenden Young Americans. Zwei wunderbare Stunden, nach denen ich die Hektik der Zeugniszeit aufgetankt auf mich zukommen lassen konnte. Da lag noch der Programmverlauf für die Abschlussfeier, den ich grafisch aufbereiten und kopieren wollte und alle wollen wissen, wann es hitzfrei gibt. Die Tageszeitung wollte noch Hinweise, Zahlen und Informationen zu der Entlassfeier für einen Artikel von mir erhalten – also Zahlen eruieren und zusammenstellen. Sprich: Zum Glück gab es die Assemblys heute!

 

Fronleichnam, 15. Juni 2017:

Gestern dachte ich kurzfristig, mein Büro sei nach Wimbledon verlegt worden. Ich hörte durch die wegen der sommerlichen Wärme offenstehenden Fenster das typische „Plopp – Plopp“ des Tennisspiels. Die IGS führte den jährlichen Sporttag für alle Jahrgänge durch (vgl. den Eintrag vom 26. Mai 2016). Mein „Spielfeld“, nur knapp über einen Quadratmeter groß, war – der Schreibtisch, manches Mal auch das Oval des Besprechungstisches. Ich bin gespannt, welche Geschichten und Erlebnisse mich vom gestrigen Tag erreichen werden…

In der Landesschau hörte ich heute die gesungenen Verse „Deinem Heiland, deinem Lehrer…“ und schon stiegen die alten Bilder auf und ich erinnerte mich an manche Fronleichnamsprozession, die ich als Kind und Jugendlicher in Stuttgart und als Erwachsener, seinerzeit in der Nähe von Trier wohnend, miterlebt habe. Am eindringlichsten erweisen sich (wieder einmal) die aus der Kindheit gespeicherten Erinnerungen. Wie stand ich immer bewundernd vor den farbenprächtigen Blumenteppichen, mitten in der Großstadt! Ordensschwestern hatten in den frühesten Morgenstunden mit Blütenblättern und gefärbtem (?) Sägemehl die verschiedenen, mit Kreide vorgezeichneten christlichen Symbole und Motive exakt ausgelegt, die wir nun mit offenen Mündern bestaunten. Die an den Häusern befindlichen Halterungen für die Fahnenstangen kamen ebenfalls an diesem Tag zur Geltung: In den sonst unscheinbaren, schräg angebrachten, kurzen Metallrohrstücken steckten die Stangen der weiß-gelben Fahnen. Die sonst eher kahlen Straßenzüge, durch welche die Prozession führte, waren nur für diesen Tag auch mit geschmückten jungen Birken herausgeputzt und gaben diesem Stadtteil der Großstadt ein ungewohnt festliches Aussehen. Fremd dagegen kamen mir immer die Stationsaltäre vor, die aus alten Holzpodesten an mir bekannten Häusern oder Stellen aufgebaut waren, denn die wenigen Stufen zu ihnen hinauf waren mit echten Teppichen ausgelegt. Ich erinnere mich noch gut an die von mir empfundene Diskrepanz, dass die Teppiche an diesem Tag ins Freie (!) gebracht wurden. Für den kleinen Georg waren diese doch eindeutig Ausstattungsstücke für die Innenräume der Wohnungen und nicht zum Verschönern älterer Holzpodeste im Freien gedacht! Ich hatte mir auch die morgens ansehnlich „verkleideten“ Stationsaltäre viel wertvoller und aufwändiger vorgestellt und war enttäuscht, als bei einem ersten Abbau unter den Tüchern, Tischdecken und Teppichen eben diese alten Bretter und einfachen Tische zum Vorschein kamen. Selbst die wie Stein und Marmor aussehenden Aufsätze bestanden lediglich aus bemaltem Holz. Ebenso fremdartig bis empörend empfand ich, dass der Priester, der mit seltsam angespanntem Gesichtsausdruck die Monstranz tragend, einfach über die herrlichen Blumenteppiche schritt. Waren sie etwas breiter, protestierte ich innerlich auch gegen die den Himmel an herrlich lackierten Holzstangen tragenden Männer, die ja nicht beliebig ausscheren konnten. Beachtet dagegen wurden sie von den Musikern, die sich vor jedem der Kunstwerke nach rechts und links aufteilten, anscheinend nie ermüdend, intonierten sie eben dieses „Deinem Heiland, deinem Lehrer“. Es kam durchaus vor, dass die Menge der weiter hinten laufenden Gläubigen nicht im Takt der Kapelle die insgesamt vierzehn Strophen mitsang und manchmal mehrere Worte hinterherhing, die getragene (und an manchen Stellen schleifend gesungene) Melodie senkten sie dennoch so tief in mich hinein, dass sie heute noch mit den entsprechenden Stimmungen und Bildern wachgerufen werden kann. Ein trauriges Schaudern überlief mich an einem regnerischen Fronleichnamstag. Als ich auf dem schräg abfallenden Kirchhof ankam, hatten sich Regenrinnsale ihren Weg durch die Blumenteppiche gebahnt – die ganzen Wunderwerke zerstört und verflossen wie meine Vorfreude.

In der Pfarrei bei Trier erhielt ich dann einen Einblick, wie umfangreich sich diese Prozession im Vorfeld gestaltete. Da polierte die Küsterin mit Ehrfurcht die goldene Monstranz, die Kelche und Kerzenständer, die Frauengemeinschaft bügelte die Fahnen und Messgewänder nochmals auf (dort lernte ich den Begriff „Velum“ kennen, jenes rechteckige Schultertuch, mit welchem der Priester die Monstranz umschlingt, damit er dieses kostbare Strahlengefäß mit der konsekrierten Hostie aus Verehrung heraus nicht mit den bloßen Händen berührt), die Männer schraubten die vom Dachboden des Pfarrhauses geholten Holzstangen mit den feinen Gewinden aus Messing zusammen, die in den gestickten Himmel gesteckt wurden und während der Prozession aufspannten, die Kommunionkinder, die die Prozession anführten, übten das langsame Gehen, die Feuerwehr, die in dem Dorf den Himmel tragen durfte, brachte ihre Uniformen auf Vordermann, die Vorhänge in den zur Prozession hin gelegenen Fenstern wurden frisch gewaschen…im Grunde war das ganze Dorf in die Vorbereitung eingebunden.

Als Kind verstand ich dieses seltsame und nur einmal im Jahr stattfindende Ereignis überhaupt nicht. Heute ist es wohl eher so, dass sich auch viele Erwachsene mit den Hintergründen dieses Feiertages schwertun. Schüler/-innen wissen meist gar nicht, weshalb sie schulfrei haben. Bei früheren Assemblys hatten wir öfter darüber gesprochen. Dabei wurde das Fest schon mal mit Christi Himmelfahrt verwechselt, eine Schülerin antwortete mir gar: „Ist da nicht Jesus gestorben?“. Schon der Begriff mutet ja nicht gerade dazu an, ihn direkt zu verstehen und sich zu merken. Er leitet sich zusammengesetzt vom mittelhochdeutschen vron ab (= den Herrn betreffend, steckt auch etwa in „Frondienst“, Bad Dürkheimer kennen auch den „Fronhof“) und licham (= für Leib, erhalten auch noch in Leichnam). Im Studium klärten sich für mich weitere Hintergründe auf, ohne den Ritus aber ganz in mich aufnehmen zu können. Fronleichnam gilt seit 1264 durch eine Bulle von Papst Urban IV. im Kirchenjahr als Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi. Zur Geschichte muss man wissen, dass das vierte Laterankonzil zuvor (1215) die Wandlung der eucharistischen Gestalten zum wahrhaft gegenwärtigen Leib und Blut Christ (Transsubstantiation) als Dogma verkündet hatte. Daher verwundert es nicht, dass Fronleichnam lediglich in den katholischen Gegenden Süddeutschlands als ein staatlicher Feiertag eingeführt ist. In die Monstranz (von: lat. monstrare = zeigen) wird eine zuvor in der Eucharistiefeier konsekrierte Hostie in ein meist rundes Fensterchen eingelegt. Damit ist nach dem Dogma Christus selbst anwesend und wird den Gläubigen zur Verehrung der Eucharistie nahegerbacht. Im Lutherjahr sei gerne daran erinnert, dass genau dieser theologische Streitpunkt um die Transsubstantiation bis heute zwischen der katholischen und protestantischen Kirche nicht beigelegt ist. Genau so singen es aber die zur Prozession versammelten Gläubigen und machen dieses Ereignis zur volkstümlich dargebrachten, dogmatischen Lehrstunde:

„Deinem Heiland, deinem Lehrer,

deinem Hirten und Ernährer,

Sion, stimm ein Loblied an!

Preis nach Kräften seine Würde,

da kein Lobspruch, keine Zierde

seinem Ruhm genügen kann.

 

Dieses Brot sollst du erheben,

welches lebt und gibt das Leben,

das man heut den Christen weist.

Dieses Brot, mit dem im Saale

Christus bei dem Abendmahle

die zwölf Jünger hat gespeist. …“

Während ich dies schreibe, kommen mir neben vielen Erinnerungen einige Elemente aus der letzten Woche bekannt vor: geschmückte Straßen einer Pfarrei/Stadt, junge Birken, bunte Fahnen, ein Umzug/eine Prozession, ein Lied, das den Anlass erklärt, Musikkapelle, Kinder laufen voran, historische Bezüge ins 13. bzw. 15. Jahrhundert…nun ist Fronleichnam natürlich in keiner Weise mit dem Geißbockdienstag zu vergleichen, das ist mir völlig klar, aber die Bestandteile, mit denen beide Feste gefeiert werden, ähneln sich verblüffend. Nehme ich weitere Gelegenheiten hinzu, etwa das Wachenheimer Jubiläum im letzten Jahr, den Wurstmarkt mit seinem Umzug, ja wegen mir auch den Rosenmontag und viele andere Anlässe, immer ließe sich ein „Hauptnenner“ aus Umzug, Schmuck, Fahnen und Musik bilden. Will heißen: Immer, wenn Menschen gemeinsam feiern, bedienen sie sich, unabhängig vom Inhalt, dieser anscheinend menschlich-archaischen Elemente, die tief in uns angelegt zu sein scheinen. Vermutlich entsteht ein Bedürfnis, dem (grauen) Alltag auch äußerlich zu entweichen und deshalb zeigen diese Elemente auch zeitlos ihre Wirkung. Bis ins unerträglich Inszenierte hinein wurden sie auch von den Nationalsozialisten mit ihren manipulierenden Aufmärschen genutzt und, weil dort gegen den Menschen gerichtet, missbraucht. So faszinierend sich das Gefühl der Zugehörigkeit auch anfühlt, so gespalten erlebe ich solche Veranstaltungen. Lasse ich mich in sie „hineinfallen“, lasse ich los, lasse mich von ihnen mittragen, erlebe ich mich als Teil eines größeren Zusammenhangs – das schafft durchaus auch Halt und Geborgenheit. Parallel meldet sich aber immer auch die Angst, mich zugunsten einer Vielzahl „aufgeben“ zu müssen, regt sich Widerstand in mir gegen das Eintauchen in diese Vielzahl und die Sehnsucht erwacht regelmäßig, in der individuellen Einzahl Bestand haben zu können. Vermutlich gehören beide Impulse dazu und haben ihre jeweilige Zeit und ihre Berechtigung. Denkbar ist ebenfalls, dass es zum menschlichen Dasein einfach dazugehört, diese Widersprüchlichkeit, diese Dualität auszuhalten und sie, je nach den verschiedenen Lebensabschnitten, auszutarieren oder gar in einem gelungenen Leben zusammenzuführen. Somit bin ich dann wieder bei den Gegensätzen von Yin und Yang, von Licht und Schatten, von Himmel und Erde, von Diesseits und Jenseits, von Zeit und Ewigkeit (vgl. Weihnachtsbrief vom 22. Dezember 2013).

 

Dienstag, 13. Juni 2017:

In den ersten beiden Stunden – ich hatte den Raumwechsel wegen der interaktiven Tafel und die Doppelstunde in ganzer Klasse bereits organisiert – schaute ich mit meiner Deutschklasse den Film „Tschick“ zur Lektüre an. Die Atmosphäre des Romans gibt er insgesamt durchaus wieder, wenn er auch inhaltlich andere Akzente setzt. Erneut erlebte ich aber, wie intensiv, mit eigenen in mir entstandenen Bildern versehen, das Lesen auf mich wirkt und wie vergleichsweise flach die andere Form der (Film-) Kunst für mich daherkommt. Filme erreichen mich nicht in dieser Tiefe, Stimmungen und Atmosphäre bewirken in mir nicht diese Dichte, Bilder, die von Regiesseuren, Kameraleuten, Castingagenturen, Beleuchtern und Schauspielern erdacht sind, kommen nicht an die Intensität meiner eigenen heran. Ob es deswegen so unruhig in der Klasse war? Immer wieder versuchte ich, laute Kommentare und Zwischenrufe abzustellen – ohne Erfolg. Anscheinend schaut man „heutzutage“ Filme so an, mehr zur freudigen, an möglichst witzig (gemeinten!) Zwischenrufen orientierte Profilierung, wer weiß. Aber Schule ist ja kein Kino, es fehlten nicht nur die Popcorn-Tüten und Getränkebecher – naja, vielleicht auch gepolsterte Klappsessel, es geht auch nicht um vergnügliche Unterhaltung am Abend, sondern um inhaltliche Vergleiche der einen Kunstform mit der anderen. Naiv, wie ich da rein ging, schien das aber nicht vorbereitet zu sein, obwohl ich sehr wohl einen Arbeitsauftrag formulierte. So waren es in doppelter Hinsicht vergeudete Stunden. Ich möchte aber zumindest noch eine Auswertungsstunde anfügen. Da müssen sie durch!

Es schloss sich der vorletzte Unterrichtsbesuch an: Leistungskurs Erdkunde in Jahrgang 12. Ich erlebte ein Dejavu, das Bemühen der Lehrkraft glich dem Arbeiten in der Sekundarstufe I: Forderung nach mehr Tiefe, mehr Genauigkeit, mit größerer Ausdauer eine Quelle intensiver ausschöpfen, einfach mehr angewendetes und umgesetztes Handwerkszeug, weniger Schmetterling, der schnell mal von Blüte zu Blüte flattert, hier ein paar Pollen sammelt und dort zufällig auf etwas stößt, stattdessen mehr Maulwurf, der immer weitere Gänge gräbt, der sich in der dunklen Tiefe bewegt, nicht ermüdend und ohne Gefahr der schnellen Ablenkung durch die liebe Sonne und die bunten Blüten. (Ich höre schon Stimmen „Bildbruch“ rufen, denn der Maulwurf ist doch blind!). Vermutlich ist das gar keine neue Erfahrung, vielleicht ist sie nur stärker ausgeprägt und war bei uns früher gar nicht anders, denn ich erinnere mich genau an Bemerkungen schier verzweifelnder Lehrer, die schon zu meiner Zeit bei uns (und gerade bei mir!) mehr Biss, mehr Konzentration, mehr Ausdauer, einfach „oberstufengemäßeres Arbeiten“ anmahnten. Mag sein, dass es auch dem unbeschwerten Lebensabschnitt sorglos existierender Jugend geschuldet ist, die eben diese Tugenden (noch) nicht zu sehen in der Lage ist oder noch nicht als notwendig erfahren hat. Ähnlich der Feststellung an anderer Stelle, dass das Buch Hiob mit freudig pubertierenden Siebtklässlern schlichtweg nicht zu besprechen ist, selbst Kafka und Zehntklässler werden nicht immer zusammen passen, wenn Existenzfragen eben noch nicht gestellt sind. Wie soll ein Frosch im Regenwald über die Trockenheit der Wüste nachempfinden können (Noch eine Katachrese?). Insgesamt hilft da nur „liebevolle Sturheit“, humorvolles Dranbleiben, anhaltendes Vorleben und ansonsten: Wachsen lassen. Wie hörte ich diese Woche wieder: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!“ Als wenig hilfreich halte ich das uns erwachsenen Akademikern eigene Lamentieren. Auch hier also: Weg von der Defizitorientierung hin zum positv gestimmten Lückenschließen.  Natürlich lernte ich auch in dieser Stunde inhaltlich dazu. Thema der Stunde war, wie sich der wachsende Tourismus am Beispiel Sri Lankas auf ein Land und seinen HDI auswirkt. Wie bitte? HDI? Ein Schüler schlug mir die Seite im Atlas auf und ich konnte mich im Selbststudium schlau machen. „HDI“ meint den „Human Development Index“ eines Landes, also eine Kennziffer, mit welcher die Lebensbedingungen hauptsächlich an der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Situation errechnet wird. Wichtige Elemnte sind dabei etwa die Lebenserwartung, die Analphabetenquote und das Einkommen und deren jeweilige Entwicklung. Dieser HDI in Beziehung gesetzt zu einer Größe, die ich aus den Nachrichten kenne, dem BIP (Bruttoinlandsprodukt = Wert aller erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen) ergibt dann eine Aussage, ob ein solches Land auf dem Weg ist, sich zu einem Schwellenland zu entwickeln. Wobei auch hier zu beachten ist, dass bei hohen „ausländischen Direktinvestitionen“, etwa bei Hotelketten, die durchaus Arbeitsplätze in der Tourismusbranche vor Ort schaffen, bei denen aber der Gewinn dann doch meist wieder an die ausländischen Anbieter fließt und dadurch den Einwohnern weniger helfen als im Land selbst aufgebaute Entwicklungsprojekte. Eine hochinteressante Stunde also. Es war zugleich meine zweite Stunde, die ich in einem der Container erlebt habe und die letzten Endes zu dem auch schon von Schüler/-innen geäußerten Eindruck führte: Die Räumlichkeiten sind durchaus nicht nur von Nachteilen geprägt. Sie sehen ansehlich aus und sind vor allem etwas ruhiger als so mancher Klassensaal im Schulgebäude.

Bis zu den Zeugniskonferenzen im Jahrgang neun war mein „restlicher“ Terminkalender prall gefüllt mit Gesprächen. Sollte eines davon länger dauern als im Kalender geplant, „stauten“ sich die nächsten „Gesprächssuchenden“ bereits auf dem Flur. Schuljahresendstress nennen dies schulisch Erfahrene, weil das aktuelle Schuljahr noch nicht abgeschlossen ist, das neue bereits planerisch heftig in den Alltag hinein wirkt. 

  

Montag, 12. Juni 2017:

Zu einer sehr schönen Aufgabe eines Schulleiters kommt es dann, wenn unverhofft eine Planstelle besetzt werden kann, zu der es im Vorfeld überhaupt keine Hinweise gab. So heute (wieder) geschehen. Die nun glückliche Kollegin arbeitet seit vier Jahren bei uns, immer wieder war es gelungen, ihr einen Vertretungsvertrag zu verlängern. Dass es Freudentränen gibt, wusste ich, dass sie oft bei der Planstellenvergabe zutage treten, wusste ich auch, dass sie mit dieser Geschwindigkeit auf den Plan treten können, war duchaus eine neue Erfahrung und deutet den vorherigen Druck durch Ungewissheit an. Der Anruf dazu erreichte mich während eines Unterrichtsbesuch in Religion. Das Mobiltelefon vibrierte – ich hatte eigens den Klingelton abgestellt – und als ich auf dem Display sah, wer da anrief, ging ich schnell auf den Flur. Und dann ist es doch ganz schnell vorbei, was ein ganzes Leben beeinflussen wird.

In der Religionsstunde, der ich dann wieder beiwohnte, ging es um August Graf von Galen als Beispiel eines mutigen Christen gegen das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. Die vorgelegte Predigt des so genannten „Löwen von Münster“ kannte ich bereits aus dem Studium. Nach wie vor erntet sie meinen Respekt. Auf der anderen Seite schwieg der Bischof zu den Judenvernichtungen, was ihm und der Kirche durchaus als antisemitische Grundhaltung ausgelegt wurde. Aber darüber heutzutage zu urteilen, steht mir nicht zu. Längst sind die Zeiten so, dass von mir nichts, auch nur in die Nähe kommend, Vergleichbares abverlangt wird. Mein Problem mit Graf von Galen steht auf einer ganz anderen Seite: Ich hatte mir damals seine Briefe an die Mutter besorgt, immerhin die eines erwachsenen, ehrbaren Mannes, der als Bischof von Münster Verantwortung trug. Und nun las ich diese Briefe, die in einem seltsamen, im Kindlichen verbleibenden Ton und Inhalt verfasst wurden. Ich fragte mich damals, wie solches möglich ist, von einem Mann in dieser Position zu lesen, dass er im Grunde im Mutter-Kind-Modus verblieben ist. Lebenslang nicht gereifte Mutter-Kind-Beziehung? Nie aufgelöstes und daher unstabiles Halt-Suchen am „Rockzipfel“ der Mutter? Lebenslang nicht gelungene Emanzipation hin zu einer unabhängigen Persönlichkeit ? Nie aufgelöste und daher symbiotische Abhängigkeit? Allerdings berührte mich das seinerzetit wiederum nicht in dem Ausmaß, mich weiter damit zu beschäftigen. Wie so oft verlor sich der Gedanke und machte Platz für andere Themen.

Auch heute konnte den erneut aufgetauchten Überlegungen nicht weiter nachhängen, ich hatte noch einen zweiten Unterrichtsbesuch im Kalender stehen. Nochmal Mathematik, dieses Mal in einer siebten Klasse. Eine sehr schöne Stunde, in welcher eine hohe Schüleraktivität zu beobachten war. Die ganze Klasse arbeitete nach einem Aufgabenplan zum Thema Durchschnittswerte. Exemplarische Lösungen hingen an der Tafel, selbstständig wurden die eigenen Lösungen dort verglichen, eine kleinere Gruppe, die sich die Aufgaben und mathematischen Hintergründe noch einmal erklären lassen wollte, stand mit der Lehrkraft im Halbrund an der Tafel, und erarbeiteten sich gemeinsam nochmal die Lösungswege. Da sage noch einer, differenzierter Unterricht auf verschiedenen Niveaus in klasseninterner Differenzierung sei schier nicht zu bewältigen…Nie gehört und daher schon wieder einen Lernzuwachs verzeichnend: der Begriff des Medians. Er bezeichnet, im Gegensatz zum Begriff „Mittelwert“ in einer qaufgelisteten Zahlenreihe den mittleren Zahlenwert, ist also merh von der Lage abhängig und nicht vom Wert. Statistisch gesehen kann es zu nicht unerheblichen Verzerrungen führen, wenn ich statt dem errechneten Mittwert den mittleren Wert für Aussagen zu Grunde lege.

Insgesamt müssen wir in derzeit in dieser Zeugniszeit einen zusätzlichen „Brocken“ bewältigen, um eine erkrankte Stufenleitung zu kompensieren. Das Schulleitungsteam teilte sich die Aufgaben dazu auf – bis hierhin scheinen wir das in den Griff zu bekommen. Ich hatte dazu heute eine Klassenarbeit zu genehmigen,, die schlecht ausgefallen war, eine Neuaufnahme in Klasse 10 zu begleiten und brachte mich in die bevorstehende Entlassfeier ein, andere übernahmen dafür die Zeugniskonferenzen. Wieder die herrliche Erfahrung der problemlos funktionierenden Teamarbeit. Das Thema Personaleinsatz im kommenden Schuljahr ist immer noch nicht zufriedenstellend gelöst, zumal die zusätzliche Planstelle unsere Argumentationsstränge ins Wanken brachte. Jetzt müssen wir neue aufbauen oder bisherige einfach. Zu viert nahmen wir uns nach der Schulleitungssitzung dazu Zeit – nochmal Teamarbeit, dieses Mal nicht im Oktett bzw. Septett, sondern lediglich als Quartett. Die Harmonien stimmten auch in dieser Konstellation – „Musiktheorie“ in schulischer Erweiterung.

 

Donnerstag, 08. Juni 2017:

Die nächsten beiden Unterrichtsbesuche standen heute an. Zunächst ein Chemie-Leistungskurs in Jahrgang 12. Es ging um die Konzentrationsbestimmung (Titration) bei Natronlauge und Salzsäure, nicht gemessen oder errechnet, sondern experimentell ermittelt mittes einer Versuchsanordnung durch tropfenweises Mischen mit einer Bürette, einer kalibrierten, senkrecht stehenden Glasröhre mit einer Mess-Skala und mit Auslasshahn am unteren Ende. Natürlich besucht ein Gesteswissenschaftler eine solche naturwissenschaftliche Stunde nicht ohne dazu zu lernen. Schutzbrillen, Handschuhe und andere Sicherheitsvorschriften beachtend, machten sich vier Schülergruppen an die Geräte, tropften hier, notierten da, bis die anfangs gelbliche Flüssigkeit bei einem letzten Tropfen ins Blaue umschlug. Letztendlich doch faszinierend für einen, der seinerzeit wegen einer fünf in Chemie die elfte Klasse wiederholen musste und nun Schüler/-innen beobachtete, die souverän und kenntnisreich ans Werk gingen.

Nach kurzer Pause dann in den Container 1.3 zu einem 12er Grundkurs in Ethik zum Thema Medienethik. Wie sehr verändern oder beeinflussen die modernen Kommunikationsmittel unser Selbstbild. Ein Impulsfoto brachte mit der Placemat-Methode erste eigene Thesen zu dieser Frage hervor, anschließend Textarbeit, aus welcher die Thesen eines Medienforschers extrahiert wurden. Abschließend Vergleichen der beiden Thesenblöcke und Feststellen einer grundsätzlichen Übereinstimmung bei einer Reihe von Thesen. Aus Zeitgründen weilte ich immer nur bei einer der Doppelstunden und fühlte mich dadurch wie seinerzeit als Schüler: völlig verschiedene Themen und Arbeitsweisen im 45-Minuten-Takt und die damit einhergehende Beanspruchung. Wer hat diese Taktung nur erfunden? Da fühle ich mich doch sehr wohl bei unserer Lösung mit vorwiegendem Rhythmus in Doppelstunden.

Kurz darauf stand ich zwischen Worms und Alzey im Stau, denn ich war auf dem Weg ins Ministerium nach Mainz zur zweiten Redaktionssitzung für die Broschüre „Neu an der IGS“ (vgl. Eintrag vom 23. Februar 2017). Wir diskutierten den ersten Entwurf der inzwischen mit unseren Textvorschlägen layoutet vorliegt. Mir fehlte bereits beim ersten Lesen wenigstens eine kurze historische Grundlegung unserer Schulform, hatte eine kurze Einführung geschrieben und an alle verschickt. Zunächst diskutierten wir diese Grundlegung und prüften deren Notwendigkeit. Mit kleinen Änderungen wird sie nun aufgenommen werden, wodurch ich mir verspreche, die Arbeit an einer IGS nicht als „notwendiges Übel wegen einer Planstelle“ anzusehen, sondern als pädagogisch konzeptionelle Arbeit, die sich hinsichtlich des individuellen Lernens jedes einzelne Kind stärker in den Fokus rückt und begründet. Und dies müsste bei vielen Konzeptmerkmalen wiederum eine größere Akzeptanz hervorrufen. Ich empfand dieses Treffen gleichgesinnter Schuleiter/-innen als ein Schmankerl, weil wir intensiv unsere Schulform durchleuchteten und das nicht im luftleeren Raum, sondern mit einem bereits optisch wahrnehmbaren Ergebnis. Jetzt ist weitere „Fuddelarbeit“ notwendig, die in vielen einzelnen Punkten Sprech- und Schreibweisen vereinheitlicht und Querverweise zu Vorschriften und Verlinkungen einfügt – Endredaktion quasi. 

Wieder zu Hause lag die neueste Ausgabe des DÜW-Journals auf dem Küchentisch, die ich gleich durchblätterte. Ich war neugierig auf den Artikel über „Pop macht Schule“ und wie er platziert ist. Text und Fotos kannte ich ja, so dass er mir gleich ins Auge fiel. Prima, alle drei eingesandten Fotos wurden verwendet und der Text kaum verändert. Noch eine Freude heute und noch nicht die letzte, denn am Abend hatten wir die Eltern der neuen fünften Klassen in die Stadthalle in Wachenheim geladen. Er läuft inzwischen ja fast routiniert ab (Vorsicht: lebendig bleiben!). Wechselnde Personen, gestraffte Inhalte und das Einbeziehen des Schulelternbeirates und des Freundeskreises tragen ein Übriges dazu bei. Gerade ohne letzteren würde dem Abend ein Tüpfelchen an Atmosphäre fehlen, denn nicht nur die Schulleitung schildert ihre Schule, sondern engagierte Eltern stellen sich hinter sie und „leben“ Gesamtschule zusätzlich. Danke euch allen! Dieser Abend ist immer di